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09/06/2016 / birgitrie

Funktioniere

Es wird wieder Fast Food werden. Zum dritten Mal in dieser Woche wird das Abendessen zugekauft. Es ist einfach zu spät. Der Hunger ist zu groß. Das geplante Abendprogramm wird gecancelt. Schon wieder. Man beschränkt sich auf das Notwendigste. Essen. Duschen. Die Bügelwäsche stapelt sich. Überweisungen sollten getätigt werden.

Heute nicht.

Es ist zu spät. Zu müde. Nur noch vor den Fernseher. Dann ins Bett. Am Samstag habe ich frei, da kann ich Sachen erledigen.

Es wird viel später. Aber ich bin eine tolle Mitarbeiterin. Arbeite über das Soll hinaus. Auf dem Gehaltszettel steht kein Danke. Vier Ziffern vor dem Komma, zwei dahinter. Sie variieren. Spätdienste, Sonntagsdienste machen sich bezahlt. Es bleibt nur eine Zahl. Ich denke mir das Danke.

Ich funktioniere. Im Englischen gibt es ein Wort für Arbeiten und Funktionen. work. Ich bin gewissenhaft. Ein Anruf. Ich sollte längst zu Hause sein. „Walter ist tot.“

Oh.

Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Es ist eine seltsame Traurigkeit, die mich überkommt. Die Beerdigung ist am Samstag. Früher traf man sich zu Hochzeiten, jetzt sind es Begräbnisse. Ich überlege mir, was ich anziehen soll. Die Heimat holt mich ein, ich habe sie längst verlassen und doch nie wirklich hinter mir gelassen. Ich muss mir nicht frei nehmen. Samstag. Wie praktisch.

Ich mache meinen Dienst zu Ende. Ich scherze sogar. Ich funktioniere. Tadellos.

Walter ist tot.

Ich ärgere mich über Kleinigkeiten. Das ist okay. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die finden, dass sich alles relativiert, wenn etwas Größeres passiert. Ich darf mich über Kleinigkeiten ärgern. Ich kann auch gar nicht anders. Ich bin ruhig. Ich werde eigenartig melancholisch. Mein Kopf schaltet zurück.

Ich bin mittlerweile Stammkundin bei dem Take-Away-Asiaten in meiner Nähe. Ich bin froh, dass es ihn gibt. Das Essen ist gut. Morgen mache ich mir Nudelsalat. Morgen mache ich nicht so lange. Morgen schaffe ich mein Abendprogramm. Gestern war heute morgen.

17/04/2016 / birgitrie

Eine Salzprise

Das Leben ist voller großartiger Momente.

Wir neigen nur dazu, sie zu ignorieren, weil wir sie als unbedeutend einstufen.

Aber das sind sie nicht.

Das sind sie nicht.

Sie sind das Salz in der Suppe. Okay, vielleicht eine Salzprise.

Zum Beispiel?

Der Moment, in dem du die Werbung überspringen kannst, um deinen Lieblingssong auf Youtube zu hören.

Der Moment, in dem du die Mute-Taste auf der Fernbedienung drückst, wenn HC Strache zu einer seiner Hasstiraden ansetzt.

Der Moment, wenn das erste Grün deiner selbst gepflanzten Paprika aus der Erde schlüpft.

Der Moment, wenn du das Essiggurkenglas doch noch aufkriegst und der Essig im Glas bleibt.

Der Moment, wenn die Fieberblase aufhört zu jucken.

Der Moment, …

Eine Salzprise.

Zumindest.

26/01/2016 / birgitrie

Wenn sie tanzt

Aber wenn sie tanzt, dann geht es ihr gut.

Sie kann lange tanzen. Die Musik hat sie im Ohr. Sie singt, sie springt, sie dreht sich. Bis ihr schwindelig ist. Dann legt sie sich auf den kalten Fliesenboden, Arme und Beine weit von sich gestreckt. Ihr Pulsschlag im Rhythmus einer Uptempo-Nummer. Den Mund weit offen. Das Lächeln wirkt wie eingefroren.

In ihrem Wohnzimmer hat sie kein Sofa stehen, auch keinen Tisch, keinen Schrank. Die Leute fragen sie manchmal, warum. „Damit ich frei sein kann“, antwortet sie dann. Die Leute können das nicht verstehen. Sie hatte einmal ein Sofa. Aber als ihre große Zehe einmal beim Tanzen böse mit dem Couchbein kollidierte – so böse, dass die Zehe neun Tage lang dunkelviolettblau war, da entschied sie sich für die Zehe und gegen das Sofa. Und für die Freiheit.

Wenn sie tanzt, dann vergisst sie die Welt. Wenn sie tanzt, dann ist sie frei.

31/12/2015 / birgitrie

2015 im Rückblick

Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2015 für dieses Blog erstellt.

Hier ist ein Auszug:

Eine Cable Car in San Francisco fasst 60 Personen. Dieses Blog wurde in 2015 etwa 2.500 mal besucht. Eine Cable Car würde etwa 42 Fahrten benötigen um alle Besucher dieses Blogs zu transportieren.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

13/12/2015 / birgitrie

Mona

Es ist kein Traum, aus dem sie irgendwann erwacht. Das weiß sie. Sie nimmt es hin. Scheinbar emotionslos. Ihre Gefühle kann sie ausschalten. Das hat sie gelernt.

Sie stellt einen Kochtopf mit Wasser auf den Herd, Stufe 3. Der Plattenspieler ist an. Lied zwei. 11.23 Uhr.

Das Badezimmer ist gleich um die Ecke. Braune Fliesen. 70er-Jahre-Stil. 11.25 Uhr. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Er stellt sich vor den Allibert, frisiert mit dem Metallkamm sein schütteres Haar. Ihre Haare sind locker zu einem Zopf gebunden. Sie blickt ins Leere. Niemand spricht. Er braucht ihr nicht zu sagen, was sie zu tun hat. Es ist immer das gleiche Ritual. Er hat Vorlieben. Sie kennt sie. Aus der Küche hört sie leise Musik.

Sie setzt sich auf den Stuhl, rutscht ans vordere Ende. Er kniet sich auf den Badvorleger. Er schiebt ihr Kleid zurück. Sie trägt immer Kleider, das ist praktisch. Sie schließt ihre Augen, versucht sich ans Meer zu denken. Eins, zwei, drei, vier, fünf. Sie zählt die Möwen am Himmel. Elf, zwölf, dreizehn. Die Schallplatte leiert. Bei 36 ist es vorbei. Meistens. Manchmal bei 43. Oder bei 52.

Heute ist 36. Sie steht auf. Das Kleid fällt. Niemand spricht. Er geht ins Wohnzimmer, füttert die Goldfische. Sie legt eine andere Platte auf. Hildegard Knef. Das Wasser kocht. 11.32 Uhr. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. „Für mich soll’s rote Rosen regnen.“

 

14/11/2015 / birgitrie

Bleiben

Sie wollte noch nicht gehen.

Ein Schritt nach vor. Ein Schritt zurück. Es war nebelig. Hochnebel. 21. Oktober. Vielleicht würde es noch auflockern. 26, 27, 28, 29. Schon als Kind hatte sie die Waggons der vorbeiziehenden Güterzüge gezählt.

30, 31, 32.

Ein Schritt zurück. Ein Windstoß. 7 Grad plus. Die Blätter der Bäume gelb und grün. 33, 34, 35. Noch ist der Herbst nicht vorbei. Der Bahnsteig asphaltgrau. Der Duft von Kebap. Nächster Zug: 10:53 Uhr, Bahnsteig 3. Sie bleibt stehen. Der Blick starr. Die Arme verschränkt. Gehetzte Menschen. Einsteigen. Aussteigen. Abfahrt.

Sie befinden sich auf Bahnsteig 3. Ein Schritt nach vor. Der nächste Güterzug.

4, 5, 6, 7. Ein Windstoß.

10, 11, 12.

Ein Schritt zurück. Nächster Zug: 11.07, Bahnsteig 2. Sie wollte noch nicht gehen.

Die Sonne blinzelt durch die Nebeldecke.

19/08/2015 / birgitrie

Die Möwe lacht

Sollte ich einmal gefragt werden, und ja ich glaube, ich bin es sogar schon gefragt worden, welches Tier ich sein wollen würde, wenn ich denn ein Tier sein müsste, dann hätte ich eine Antwort parat. Ich mag diese Standardfragebogenfragen ja nicht so gern. Aber die Tierfrage ist gerade noch besser als die nach dem Lebensmotto. Ich habe darüber durchaus schon nachgedacht. Es könnte ja sein, dass man einmal danach gefragt wird und spontan eine Antwort parat haben sollte. Nach gar nicht wahnsinnig langem Nachdenken bin ich zur Antwort gekommen, dass ich auf diese Frage keine Antwort habe. Also eigentlich schon: Nämlich, dass ich kein Lebensmotto habe.

Ein Lebensmotto würde mich einschränken und mich dazu zwingen, mich immer an diesem Leitsatz zu orientieren, ich müsste mich schlecht fühlen, würde ich von dem Leitsatz abweichen. Also: Ich habe kein Lebensmotto – das ist meine Antwort. Aber ich habe eine Antwort auf die Tierfrage.

Möwe

Eine Möwe.

Neben den Feuerwanzen sind die Möwen jene Tiere, die ich am liebsten beobachte. Aber ich wollte keine Feuerwanze sein. Das Wasser, die Luft, das Schweben, die Leichtigkeit.

Eine Möwe.

Kürzlich habe ich mich gefragt, wie die Möwe macht. Die Taube gurrt. Die Krähe kräht. Und die Möwe? Nach etwas längerem Nachdenken wusste ich es noch immer nicht. Aber ich hatte einen Einfall und der Einfall gefiel mir.

Die Möwe lacht.