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26/01/2016 / birgitrie

Wenn sie tanzt

Aber wenn sie tanzt, dann geht es ihr gut.

Sie kann lange tanzen. Die Musik hat sie im Ohr. Sie singt, sie springt, sie dreht sich. Bis ihr schwindelig ist. Dann legt sie sich auf den kalten Fliesenboden, Arme und Beine weit von sich gestreckt. Ihr Pulsschlag im Rhythmus einer Uptempo-Nummer. Den Mund weit offen. Das Lächeln wirkt wie eingefroren.

In ihrem Wohnzimmer hat sie kein Sofa stehen, auch keinen Tisch, keinen Schrank. Die Leute fragen sie manchmal, warum. „Damit ich frei sein kann“, antwortet sie dann. Die Leute können das nicht verstehen. Sie hatte einmal ein Sofa. Aber als ihre große Zehe einmal beim Tanzen böse mit dem Couchbein kollidierte – so böse, dass die Zehe neun Tage lang dunkelviolettblau war, da entschied sie sich für die Zehe und gegen das Sofa. Und für die Freiheit.

Wenn sie tanzt, dann vergisst sie die Welt. Wenn sie tanzt, dann ist sie frei.

31/12/2015 / birgitrie

2015 im Rückblick

Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2015 für dieses Blog erstellt.

Hier ist ein Auszug:

Eine Cable Car in San Francisco fasst 60 Personen. Dieses Blog wurde in 2015 etwa 2.500 mal besucht. Eine Cable Car würde etwa 42 Fahrten benötigen um alle Besucher dieses Blogs zu transportieren.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

13/12/2015 / birgitrie

Mona

Es ist kein Traum, aus dem sie irgendwann erwacht. Das weiß sie. Sie nimmt es hin. Scheinbar emotionslos. Ihre Gefühle kann sie ausschalten. Das hat sie gelernt.

Sie stellt einen Kochtopf mit Wasser auf den Herd, Stufe 3. Der Plattenspieler ist an. Lied zwei. 11.23 Uhr.

Das Badezimmer ist gleich um die Ecke. Braune Fliesen. 70er-Jahre-Stil. 11.25 Uhr. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Er stellt sich vor den Allibert, frisiert mit dem Metallkamm sein schütteres Haar. Ihre Haare sind locker zu einem Zopf gebunden. Sie blickt ins Leere. Niemand spricht. Er braucht ihr nicht zu sagen, was sie zu tun hat. Es ist immer das gleiche Ritual. Er hat Vorlieben. Sie kennt sie. Aus der Küche hört sie leise Musik.

Sie setzt sich auf den Stuhl, rutscht ans vordere Ende. Er kniet sich auf den Badvorleger. Er schiebt ihr Kleid zurück. Sie trägt immer Kleider, das ist praktisch. Sie schließt ihre Augen, versucht sich ans Meer zu denken. Eins, zwei, drei, vier, fünf. Sie zählt die Möwen am Himmel. Elf, zwölf, dreizehn. Die Schallplatte leiert. Bei 36 ist es vorbei. Meistens. Manchmal bei 43. Oder bei 52.

Heute ist 36. Sie steht auf. Das Kleid fällt. Niemand spricht. Er geht ins Wohnzimmer, füttert die Goldfische. Sie legt eine andere Platte auf. Hildegard Knef. Das Wasser kocht. 11.32 Uhr. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. „Für mich soll’s rote Rosen regnen.“

 

14/11/2015 / birgitrie

Bleiben

Sie wollte noch nicht gehen.

Ein Schritt nach vor. Ein Schritt zurück. Es war nebelig. Hochnebel. 21. Oktober. Vielleicht würde es noch auflockern. 26, 27, 28, 29. Schon als Kind hatte sie die Waggons der vorbeiziehenden Güterzüge gezählt.

30, 31, 32.

Ein Schritt zurück. Ein Windstoß. 7 Grad plus. Die Blätter der Bäume gelb und grün. 33, 34, 35. Noch ist der Herbst nicht vorbei. Der Bahnsteig asphaltgrau. Der Duft von Kebap. Nächster Zug: 10:53 Uhr, Bahnsteig 3. Sie bleibt stehen. Der Blick starr. Die Arme verschränkt. Gehetzte Menschen. Einsteigen. Aussteigen. Abfahrt.

Sie befinden sich auf Bahnsteig 3. Ein Schritt nach vor. Der nächste Güterzug.

4, 5, 6, 7. Ein Windstoß.

10, 11, 12.

Ein Schritt zurück. Nächster Zug: 11.07, Bahnsteig 2. Sie wollte noch nicht gehen.

Die Sonne blinzelt durch die Nebeldecke.

19/08/2015 / birgitrie

Die Möwe lacht

Sollte ich einmal gefragt werden, und ja ich glaube, ich bin es sogar schon gefragt worden, welches Tier ich sein wollen würde, wenn ich denn ein Tier sein müsste, dann hätte ich eine Antwort parat. Ich mag diese Standardfragebogenfragen ja nicht so gern. Aber die Tierfrage ist gerade noch besser als die nach dem Lebensmotto. Ich habe darüber durchaus schon nachgedacht. Es könnte ja sein, dass man einmal danach gefragt wird und spontan eine Antwort parat haben sollte. Nach gar nicht wahnsinnig langem Nachdenken bin ich zur Antwort gekommen, dass ich auf diese Frage keine Antwort habe. Also eigentlich schon: Nämlich, dass ich kein Lebensmotto habe.

Ein Lebensmotto würde mich einschränken und mich dazu zwingen, mich immer an diesem Leitsatz zu orientieren, ich müsste mich schlecht fühlen, würde ich von dem Leitsatz abweichen. Also: Ich habe kein Lebensmotto – das ist meine Antwort. Aber ich habe eine Antwort auf die Tierfrage.

Möwe

Eine Möwe.

Neben den Feuerwanzen sind die Möwen jene Tiere, die ich am liebsten beobachte. Aber ich wollte keine Feuerwanze sein. Das Wasser, die Luft, das Schweben, die Leichtigkeit.

Eine Möwe.

Kürzlich habe ich mich gefragt, wie die Möwe macht. Die Taube gurrt. Die Krähe kräht. Und die Möwe? Nach etwas längerem Nachdenken wusste ich es noch immer nicht. Aber ich hatte einen Einfall und der Einfall gefiel mir.

Die Möwe lacht.

21/07/2015 / birgitrie

Feuerwanze

Nur einmal hat sie sich um 45 Grad gedreht, seit ich mich auf die Steinmauer gesetzt habe. Vor Angst ist sie wohl erstarrt. Sie kann nicht wissen, dass ich ihr nichts tue. Ich bin ca. 170 cm so lang, und wiege etwa 100.000 Mal so viel wie sie. Würde sich ein um so viel wuchtigeres Bröckerl neben mich setzen, ich bekäme es auch mit der Angst zu tun.

Feuerwanze

Ich weiß noch ziemlich genau, wann ich sie zum ersten Mal wahrgenommen habe. Es war ein warmer Frühlingstag im März oder April 2009. Ich setzte mich, wie diesmal, auf eine Steinmauer, da erblickte ich dieses krabbelnde Ding mit der hübschen schwarz-roten Zeichnung auf dem Körper. Dass ihr Name „Feuerwanze“ ist, war nicht schwer herauszufinden. Sie ist unverwechselbar. Warum sie mir vorher bloß nie aufgefallen ist? Jedenfalls, von dem Zeitpunkt an lief sie mir immer wieder über den Weg. Am häufigsten traf ich sie auf Steinen, Mauern oder Asphaltwegen an. Und sie war selten allein. Ich beobachtete die Feuerwanzen beim Starr sein, beim Spazieren, beim Wegrennen und auch beim Ficken. Für Nachwuchs wird also gesorgt. Gut so.

Auf der Steinmauer sitze ich jetzt alleine. Die Feuerwanze ist im Gestrüpp verschwunden. Ich tue ihr nichts.

29/06/2015 / birgitrie

Einmal noch

„Einmal noch“, sagt Arif, „einmal noch will ich die Sonne aufgehen sehen.“

Seine Mundwinkel schieben sich nach oben. Das Grübchen auf der linken Wange kommt zum Vorschein.

„Einmal noch will ich auf einen Berg klettern und von oben in alle Richtungen blicken.“

„Einmal noch“, sagt Arif – seine Stimme wird leiser, „einmal noch will ich das Meer sehen.“

Er kann das Rauschen des Wassers und die Schreie der Möwen bereits hören.

„Einmal noch“, sagt Arif und schließt die Augen.