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21/11/2013 / birgitrie

Über Töpfe, Putzlappen und Unterbetten ins Tierparadies

Wer an einem, dank Produktpräsentation, günstigen Tagesausflug teilnimmt, muss früh aufstehen, lange ausharren und äußerst standhaft bleiben. Ein Selbsthärtetest.

„Na, des is da Toni*. Des is ned unserer.“ Die Leute mit den Koffern fahren an die Mosel. „Der Toni måcht an Tågesausflug.“ Also gehöre ich zum Toni. Ich hätte mir natürlich was Netteres aussuchen können. Eine Schifffahrt auf dem Traunsee oder der Donau zum Beispiel. Aber nein, ich fahre dorthin wo es wirklich wehtut. Gut Aiderbichl. Bekannt aus Fernsehen, Boulevard-Presse und natürlich durch Yvonne, die Kuh aus dem 2011er-Sommerloch. Maximal für viel Geld hätte man mich dorthin bringen können. Und jetzt zahle ich dafür. Immerhin weniger, als man mir hätte zahlen müssen. Der Vermerk „Produktpräsentation – Teilnahme frei“ macht die Busreise zu einem Schnäppchen. 9,99 Euro sind es im Internet. 12,89 auf der Reservierungsbestätigung. 13 beim Toni.
6.15 Uhr, Wien Westbahnhof. Etwa 20 Leute wollen mit mir ins Tierparadies. Der Altersschnitt könnte sogar knapp unter 70 liegen. Mich ausgeschlossen natürlich. Ich bin quasi außer Konkurrenz an Bord, der Maulwurf unter den Tierfreunden. Und der Frauenanteil liegt auch niedriger als angenommen – etwa bei 80 Prozent. Bei der Einstiegsstelle Spillern (bei Stockerau) sinkt der Altersschnitt noch einmal drastisch. Ich bin jetzt nicht mehr das Nesthäkchen an Bord. „Jetzt simma komplett“, sagt der Toni durch. Ein bisschen ist dieser Ausflug ein Überraschungspaket. Die Produktpräsentation sollte laut Toni in Linz stattfinden. Letztlich landen wir im 6.000-Einwohner-Ort Neuhofen an der Krems, 24 Kilometer südlich der oberösterreichischen Landeshauptstadt gelegen. Gasthof zum Wimmerwald. Eine nette Dame mit bayrischem Akzent nimmt noch im Bus die Frühstücksbestellungen auf. Frankfurter, Debreziner, Wurst-, Butter- oder Käsesemmerl.
„Wer håt Frankfurter bestellt? Ihr miassts eich glei mödn!“ Die Bedienung ist resolut. „THV Reiseclub“ ist auf dem blauen Plakat an der Wand im Gastzimmer zu lesen. „Debreziner? Möds eich!“ Die nette Dame mit bayrischem Akzent – Manuela* – ersucht mich einen Platz runterzurutschen. Da würde noch ein Ehepaar kommen. „Ihr Espresso!“ schreit die Dame in Grün ihre Sitznachbarin an. Die Frauen tauschen sich über ihre letzten Reisen aus. „Die fahren uns immer in die Einöde, damit wir nicht auskönnen.“ Die Dame in Rot weiß über die Taktik bei Werbefahrten Bescheid. „Ich glaube, ich war da schon einmal. Da oben ist ein Bauernhof mit Kühen“, erzählt die Espresso-Frau. Bis nach Sizilien würde sie nicht mit dem Bus fahren.
Ein Mann mit graumeliertem Haar und Ohrbügelmikrofon übernimmt das Wort. Manuelas Mann. Robert*. „Zum Mittagessen dadads an schen Schweinsbråten gem mit Knedln und Såft. Wer an Krautsalåt måg, sagt Bescheid – kostat 2,20 Euro extra.“ Auf das Mittagessen lädt uns selbstverständlich die Firma THV ein. Wann immer es auch stattfinden wird. Einen Zeitplan gibt es nicht. Zunächst stellt Robert Reiseangebote vor. Mainau. „Aaaah!“ Nordkap. „Schön!“ Eine Luxusreise nach Dalmatien und Montenegro wird als der Renner angepriesen. Amalfiküste, Blumen-Riviera, Südtirol, Hamburg, Berlin. Alles im Programm. Mit der Clubkarte seien die Reisen günstiger. Wie man zu dieser komme, will der dunkelhaarige Mann am Kopf des Tisches, für den ich Platz machen musste, wissen. „Die kost nix.“ Die Dame in Rot lacht. „Was kaufen muss man!“ Das sei nicht ganz falsch, meint Robert und klärt auf. Die Dame hatte völlig Recht. Auf Haushalts- und Gesundheitsprodukte sei THV spezialisiert. Den Anfang macht eine Pfanne. „Mei Frau måcht da gern die Auszogenen drin.“ „Die was?“ Bauernkrapfen seien das. Gebackene Mäuse meinen andere. 298 Euro soll die Pfanne kosten. „Ja, das is scho viel“, gibt Robert zu, „aber ma håts hoid a Leben lang“. Diese Worte sollten heute nicht zum letzten Mal gefallen sein.
Das Tuch, das keine Schmieren auf Fenstern hinterlässt, sorgt für Raunen im Publikum. „Mei Frau nimmt die Tücher zum Abschminken.“ Nein die Falten würden damit nicht weggehen. Gelächter.
Robert geht auf die Kritik an Werbefahrten ein. „Ich weiß, dass es Betrügerfirmen gibt. Aber mir kennan nix dafür, dass die Grenzen offen sind.“ Zustimmung an den Tischen. Bei THV habe es nie Beanstandungen gegeben. Die anderen, die aus dem Osten, seien die Bösen. Erneut Zustimmung. Unter dem Titel „Hände weg von diesen Firmen“ listet die Arbeiterkammer eine Reihe von unseriösen Anbietern von Werbefahrten. Unter ihnen die Firma THV Süd aus Salzburg. Anhand von zwei Beispielen wird kritisiert, dass mangels Kenntnis des Veranstaltungsortes nicht festgestellt werden könne, ob die Verkaufsveranstaltungen entsprechend den Vorgaben der Gewerbeordnung angemeldet seien. Auch diese Produktpräsentation war nicht angemeldet, wie eine Anfrage bei der zuständigen Bezirkshauptmannschaft Linz-Land ergab. Von anderen Werbefahrten ist bekannt, dass etwa die Rückreise gesondert gezahlt werden müsse, versprochene Gewinne sich als Flops herausstellen, oder man im Verkaufsraum eingeschlossen werde. Also ist die Firma THV zumindest ein Guter unter den Bösen?
Nach eineinhalb Stunden Vortrag sind wir bei den Bettdecken angelangt. „Leistbar. 398 Euro.“ Silanisieren solle man sie halt nicht. Auch der Schonbezug: „Zahlbar. 298 Euro.“ Gaumensegelspange. Gibt’s die auch zu kaufen? Nein, es geht um ein Kissen. 398 Euro.
Und jetzt kommt der Knüller. Ich Glückliche. Nur heute gibt’s das Kissen, das Überbett und das Unterbett um 1198 Euro mit Gutschein für die ersten fünf, die sich melden. „Aber, und iatz obacht, das alles nicht einmal, sondern zweimal. So a Aktion hama nu nia ghåbt.“ Zustimmung aus dem Werbefahrt erprobten Publikum. Sind die hier alle gekauft oder nur gehirngewaschen? Drei melden sich sofort für den Gutschein. Der auffallend interessierte Mann am Tischkopf, der sich auch bereitwillig als Testliegeperson zur Verfügung gestellt hatte, ist darunter. Auch der stille Herr schräg gegenüber und der Polizist aus Stockerau.
Immer wieder fragt Robert ins Publikum, ob denn schon jemand das Produkt zuhause hätte und wie man damit zufrieden sei. Nur positive Rückmeldungen. „Ich habe alle anderen Töpfe weggegeben.“ Die kleinen Produkte verkaufen sich recht gut. Wollshampoo, Putzlappen. Viel Überredung braucht es nicht. Rechnungen auch nicht.
Manuela sammelt die Teilnahmekarten ein. Dass darunter zehn Reisegutscheine verlost werden, stellt sich erst nachher raus. Drei Reisen zu fixen Terminen um 100 bzw. 200 Euro billiger. Die Gewinner müssen sich sogleich entscheiden, welche der tollen Angebote sie wahrnehmen wollen. Gewinnerin Nummer eins entscheidet sich spontan für die Luxusreise nach Dalmatien. Die zugehörigen Broschüren werden erst nach Entscheidung ausgehändigt. „Irreführung“, urteilt die Arbeiterkammer auf Anfrage. Schnell entscheiden, darum geht’s. Den Leuten wird vermittelt, nur heute und hier dieses günstige Angebot erstehen zu können. Also warum überlegen?
Einmal, erzählt Robert, habe er Reisende dabei gehabt, die sich die Produktpräsentation erspart hätten, erst zum Mittagessen wieder aufgetaucht seien. Da sei er böse geworden. Schließlich sei das Essen auf Einladung der Firma. Die Leute hätten schon im Bus über die Werbepräsentation gelästert, hätten ihm Mitreisende gesteckt. „Produktpräsentation – Teilnahme frei; Mittagessen inklusive“ hieß es auch bei der Gut-Aiderbichl-Fahrt. Den Werbeverweigerern von damals habe er dann Haferschleim statt dem vorgesehenen Schnitzel vorsetzen lassen. Gelächter. Zustimmung. Irritierend, wie leicht es gelingt, die Reisenden auf die Seite des Unternehmens zu ziehen.
Bei Werbefahrten wird heutzutage offenbar nicht mehr von völlig naiven Kunden ausgegangen. Von Betrügereien bei derartigen Angeboten wissen die Reisenden selbstverständlich Bescheid. Aus RTL, der Kronen Zeitung oder der Kundenzeitschrift der Arbeiterkammer. Deshalb spielen die Anbieter mit scheinbar offenen Karten. Ja, wir sind auch ein gewinnorientiertes Unternehmen. Ja wir wollen etwas verkaufen. Ja wir können ihnen besonders günstige Preise anbieten, aber wir können auch erklären warum. Und ja, wir sind die Guten! Und Sie wissen Bescheid, weil sie klug sind und die Betrüger erkennen. Und weil Sie so klug sind, wissen Sie, dass eine Pfanne um 298 Euro ein Schnäppchen ist. (Haha, wir kriegen sie ja doch noch!)
Nach rund vier Stunden Töpfen, Putzlappen, Überbetten, Unterbetten, Traumreisen und Schweinsbraten ist der Spuk vorbei. War noch was? Gut Aiderbichl! Knapp zwei Stunden bleiben schließlich für Lilly, Pauli, Hilde und Co., jedoch nicht für Yvonne (die ist im Gut Aiderbichl im bayrischen Deggendorf zuhause) im Tierparadies. Tat gar nicht weh – ehrlich. Es gibt bedeutend Schlimmeres. Und immerhin hat mich der Ausflug nicht mehr als einige Stunden Zeit und rund 20 Euro gekostet. Andere haben an diesem Tag über 1000 Euro ausgegeben. Aber dafür haben sie ein Leben lang was davon.

*Namen geändert.

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