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03/09/2013 / birgitrie

Weiblich, jung, alleinreisend

„Wie kommt es, dass so eine junge hübsche Frau alleine unterwegs ist? Wo ist denn Ihr Freund?“
Wie kommt es, dass so ein alter Mann so dumme Fragen stellt?
Nein, ich habe diese Antwort nicht gegeben, aber sie wäre angebracht gewesen. Stattdessen antwortete ich, dass mein Freund auf Urlaub sei. Was für eine bescheuerte Antwort – ob sie nun erfunden war oder nicht. Was soll das denn heißen? Nur weil mein Freund nicht da ist, bin ich alleine unterwegs? Sonst würde ich das ja nie tun?
Es hat sich so ergeben, dass ich in letzter Zeit das eine oder andere Mal, sei es aus beruflichen oder privaten Gründen, alleine verreist bin. Keine großen Abenteuerreisen – alles easy. Und trotzdem gilt man als alleinreisende Frau jüngeren oder mittleren Alters bisweilen als Exotin.
Wieso ich denn allein verreise, wurde ich jüngst auf der Busfahrt unterwegs in den Süden gefragt.
„Wieso nicht?“
„Aber da sind Sie doch bestimmt auf eine Urlaubsbekanntschaft aus?“
„Sicher nicht.“
Der Mann wunderte sich weiter.
Ich war von der lästigen Fragerei so genervt, dass ich mir dachte, das ist das letzte Mal, dass ich allein verreise. Dabei finde ich es eigentlich angenehm. Man hat seine Ruhe, muss sich nach niemandem richten, kann faul sein oder unternehmungslustig, gestresste Urlauber beobachten und sich an der eigenen Entspanntheit erfreuen. Gut, hin und wieder, denkt man sich, wäre ein Gesprächspartner beim Abendessen ganz fein. Aber kein Grund, in eine Depression zu verfallen.
Aber es muss ja nicht einmal ein Solo-Urlaub sein. Ein Blick ins Kaffeehaus genügt: Jede Menge allein sitzender Männer. Aber Frauen? Wenn, dann tippen sie nur nervös ins Handy, weil der Partner Verspätung hat. Erleichterung pur, wenn der dann eintrifft.
Können Frauen nicht alleine sein? Selbst zum Shoppen, ins Fitnessstudio oder ins Kino geht’s kaum ohne Freundin oder Partner. Von Solo-Bar- oder Restaurantbesuchen gar nicht zu reden. Warum, verflucht nochmal, können Frauen so schlecht alleine in der Öffentlichkeit sein?
Ich habe es satt, mich blöden Fragen auszusetzen. Allein im Kaffeehaus wird man mich trotzdem weiter antreffen. Warum? Weil ich das mag.
Während der Pause an einer Raststelle winkte mich der Mann aus dem Bus zu sich an den Tisch herbei.
„Wollen Sie sich zu mir setzen? Allein ist es doch langweilig.“
Diesmal willigte ich noch ein. Im Bus aber lehnte ich das Angebot dankend ab. Ich fand es angenehm, meine Ruhe zu haben, Musik zu hören, zu lesen, aus dem Fenster zu schauen, die Beine hochzulegen. Nur eines vergaß ich den Mann zu fragen:
„Warum reisen Sie denn allein? Da sind Sie doch bestimmt auf eine Urlaubsbekanntschaft aus?“

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