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17/09/2012 / birgitrie

Roland. Eine unglaublich traurige, vielleicht wahre Geschichte

Manchmal mach‘ ich das. Ich sehe Menschen in der Straßenbahn, im Zug, in Warteräumen und denke mir eine Geschichte zu ihnen aus. In ihren Gesichtern lese ich, welchen Schicksalsschlag sie gerade zu verdauen hatten. Anhand ihrer Telefongespräche reime ich mir zusammen, was sie an diesem Tag erlebt haben. An ihrer Kleidung mache ich fest, welchem Job sie nachgehen bzw. welche Position sie bekleiden. Da meinen Thesen nie jemand widerspricht, muss ich davon ausgehen, dass ich richtig liege. Neulich im Zug hatte ich wieder so einen Fall. In der Sitzreihe hinter mir saß ein Mann, auf den ich mir anhand von zwei Telefonaten einen Reim machte. Er trug ein hellblaues Hemd, eine graue Anzughose. Erste Schublade. Sein Gesicht konnte ich durch den Spalt zwischen den beiden Sitzen – er saß schräg hinter mir – nicht richtig erblicken. Sein Alter? Schwer zu sagen. Vielleicht 40. Vielleicht auch deutlich jünger. Sein erstes Telefonat führte er mit Thomas (Name geändert). Thomas – und hier beginnt meine Interpretation – arbeitet in wichtiger Funktion in der deutschen Zentrale des Konzerns, in dessen Österreich-Niederlassung Roland – mir fällt kein wirklich passender Name für ihn ein, also nenne ich ihn jetzt einfach so – ebenfalls eine wichtige Position innehat. Thomas ist (ein bisschen) wichtiger. „Kann ich dich kurz stören?“ Roland spricht von einem Teammeeting, Budapest (Ort geändert) und irgendwelchen Präsentationen. Er wirkt souverän. Am Ende noch ein paar Späßchen. Man sieht sich kommende Woche in Budapest.

Das zweite Telefonat führt Roland mit Schatz. Roland wirkt freundlich, zuvorkommend, aber irgendwie distanziert. Der Tonfall hat sich gegenüber dem Gespräch mit Thomas kaum geändert. Nur, dass Roland seine Sprache gegenüber dem ersten Telefonat von Schriftdeutsch auf Oberösterreichisch geändert hat. „Wie ist es bei dir heute gelaufen?“ Ich bin mir nicht schlüssig, ob er mit Schatz schon länger liiert ist, oder erst seit kurzem.

Roland trägt einen Ehering. Er wird wohl zu Schatz gehören. Oder ist Schatz etwa seine Affäre? Ersteres halte ich für wahrscheinlicher. Roland und Schatz haben keine gemeinsamen Kinder. Im Gespräch ist jedenfalls von keinen die Rede. „Musst du halt sagen, ob ich dir noch weitere Kontakte raussuchen soll.“ Schatz – ich interpretiere – plant ihren Wiedereinstieg ins Berufsleben. Vielleicht doch Kinder? Oder einen Umstieg. Roland hilft. Roland kann nicht aus seiner Haut. Es ist kein Gespräch auf Augenhöhe. Vielleicht ist Roland bei persönlichen Gesprächen persönlicher. Ich fürchte nicht. Er ist Geschäftsmann. Auch privat.

In St. Valentin verlässt Roland den Zug. Das Oberösterreichisch könnte auch Niederösterreichisch gewesen sein. Ein Grenzfall. Auch für Schatz. Schatz ist Roland wirklich dankbar für seine Unterstützung. Aber irgendwann reicht Schatz das nicht mehr. Sie will mehr. Nähe. Liebe. Kinder? Irgendwann wird sie ein Krisengespräch mit Roland suchen. Roland versteht natürlich überhaupt nicht, worin das Problem liegt. Schließlich tue er alles für sie. Roland ist ein guter Mann. Sagt auch Schatz‘ Familie. Schatz fühlt sich unverstanden. Wenn Roland nur wüsste. Wenn Roland nur merken würde. Aber jetzt kommt erst einmal Budapest. Mit Thomas. „Wie geht’s deiner Frau?“ „Wunderbar. Sie plant einen Neustart.“ Wenn Roland nur wüsste.

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  1. gnaddrig / Sep 18 2012 22:34

    Schön geschrieben, kann mir den Mann gut vorstellen. Solche Ratespiele können aber auch ziemlich danebengehen 🙂

  2. birgitrie / Sep 19 2012 21:27

    😉 falscher als der herr doktor kann ich ja nicht liegen – danke für den link

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