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29/07/2011 / birgitrie

Bahnfahren langweilig? Niemals!

Die Zeiten, in denen mir eine über zweistündige Zugfahrt zu lang wurde, sind definitiv vorbei. Im Gegenteil.

Platz suchen. Ablegen. Ausschnaufen vom zum Zug rennen. MP3-Player hervorkramen, Lied suchen, Ohrstöpsel rein – macht locker 15 Minuten. Wasser trinken, Zeitschrift auspacken, Zeitschrift durchblättern, nicht lesen können wegen Lied anhören müssen. Ticket hervorkramen. 30 Minuten. Cappuccino bestellen. Warten, bis man ihn trinken kann, um sich ausnahmsweise nicht die Zunge zu verbrennen, Tageszeitung, Cappuccino trinken – sch… – schon wieder verbrannt. 45 Minuten. Wasser trinken, Notizbuch hervorkramen, Lautstärke regulieren, Notizen machen, Menschen beobachten. 60 Minuten. Blicke in die finstere Landschaft schweifen lassen, auf die nächsten Lichter warten, Wuckerl vom Gewand reißen, Musik lauter drehen, nächste Lichter wahrnehmen. Musik wieder leiser drehen, auf die Uhr sehen. 1 Stunde 15 Minuten. Verschlagene Ohren, zunehmend von Müdigkeit und Hunger befallen werden. Den Artikel unbedingt noch lesen wollen – Lieblingslied! Vom Einschlafen bedroht werden. Zurücklehnen. Pause. Dösen. 1 Stunde 30 Minuten. Zur Kenntnis nehmen, dass der Artikel aufgrund über Hand nehmender Müdigkeit wohl ungelesen bleiben wird. Kugelschreiber weglegen. Unter Magenknurren weiterdösen. Korrigiere: Kugelschreiber logischerweise erst jetzt weglegen. 1 Stunde 45 Minuten. Tageszeitung durchblättern. Dösen. 2 Stunden 13 Minuten. „Werte Fahrgäste, wieder einmal geht eine äußerst kurzweilige Fahrt mit den Österreichischen Bundesbahnen zu Ende.“ Zeitschrift, Tageszeitung, Notizbuch hektisch einpacken. Koffer, Rucksack, Tasche. Nix vergessen? „Wir hoffen, Sie bald wieder in einem unsere Züge begrüßen zu dürfen.“ Immer wieder gerne. Danke.

 (Die letzten Zeilen mussten aus Zeitgründen nach Ende der Bahnfahrt nachgetragen werden.)

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  1. Felix (@yousitonmyspot) / Okt 21 2013 02:35

    Wunderbar geschrieben, danke! Das widerspiegelt auch mein eigenes Verhältnis zum Bahn fahren. Ritual ist für mich auch der obligatorische Kauf von 2,3 Tageszeitungen geworden, um während einer längeren Zugfahrt versorgt zu sein. Vorzugsweise dann im Bordrestaurant, weil dann mehr Platz zum Lesen ist und man seltener durch ausschweifende Telefonate gestört wird. Manchmal schlägt man dann eine Zeitung auf, liest, und liest dabei nicht, sondern starrt aus dem Fenster, minutenlang. Die Gedanken schweifen in die Ferne, die Konzentration rinnt dahin, aber das ist gut so. So kommen Geistesblitze zustande, die bei ständiger Ablenkung gar nicht an die Oberfläche gekommen wären; sie wären eingesperrt geblieben in den Untiefen des Unterbewusstseins. Das Positive an einer langen Zugfahrt (> 3 Std.) ist, genügend Zeit zu haben, die Zeitung wirklich auszulesen, jeden Artikel auszuquetschen, der sonst beim üblichen Überfliegen auf der Strecken bleiben würde. Bleibt dann immer noch Zeit übrig, genügt dann das minutenlange aus dem Fenster starren, um das Gelesene weiterzuverarbeiten. Gelegentlich kann man sich dann im österr. Bordrestaurant noch die Klagen der Belegschaft über miese Schichtpläne und schlechte Gehälter anhören, die zu den – im Vergleich zu Deutschland – leistbaren Restaurantpreisen führen. Die deutschen Restaurantbahnmitarbeiter sind oft besser gelaunt, zu einem Plausch nicht abgeneigt und treiben die ein oder anderen Späße. Kann mich erinnern, als zwei ältere Mitarbeiter, je Mann und Frau, aufgrund weniger Gäste am Tisch saßen und am Smartphone Spiele spielten, und der Mann von der Frau wieder aufgefordert wurde, etwas zu tun, und plötzlich in die Stille – neben mir befand sich nur ein älteres Ehepaar im Speisewagen – sagte: „Ich muss jetzt noch die Katze totmachen!“ – Situationskomik vom Feinsten, das auch lange Zeit später noch ein Lächeln hervorruft. Der Ärger über etwaige Verspätungen verfliegt da. Oder anders gesagt: Fad wird einem niemals.

    • birgitrie / Okt 21 2013 23:04

      Wunderbar. Wir verstehen uns;) meine lieblingsbahnfahrzeitung ist die süddeutsche (am liebsten am Freitag mit Magazin). Sie auszulesen schaff ich allerdings nie;)
      Liebe grüße und vielen dank für das posting, dass ja eigentlich schon ein eigener blog ist

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  1. schweizweit.net | Wochenrückblick

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