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16/04/2011 / birgitrie

Die Leiden auf einer Bahnfahrt

Was ist wichtig auf einer über zweistündigen Zugfahrt? Meine Wasserflasche – die habe ich eigentlich immer dabei – als ich solche Strecken noch mit dem Auto gefahren bin, in der Arbeit, beim Sport – immer. Und Lesestoff. Das ist wichtig. (Nicht nur aus Anti-Tristesse-Gründen.) Weil man dann den Kopf in die Zeitung stecken kann und nicht ständig verlegen den Blick senken oder aus dem Fenster richten muss, wenn man einen der gegenüberliegenden Fahrgäste so lang anschaut, bis er zurückschaut und der dann auch die Blickrichtung ändern muss. Nach etwa 90 Minuten Fahrzeit bin ich am Ende meines Lesestoffes angekommen. Weil ich wieder einmal reichlich spät am Bahnhof war und den Zug nur noch aufgrund fünfminütiger Verspätung (danke ÖBB!) ohne größere Hektik erreicht habe, hatte ich keine Zeit mehr, mir neuen Lesestoff zu besorgen. Noch 45 Minuten Blicke unter Kontrolle halten. Aus dem Fenster schauen. Konzentriert über mein Notizbüchlein beugen. Darüber schreiben, dass ich nichts mehr zu lesen habe und mein Blickproblem unter Kontrolle kriegen muss. Aufpassen, dass niemand mitlesen kann. Vor allem nicht, wenn ich über den 200-Kilo-Koloss – für diese Einschätzung musste ich ihn jetzt kurz anschauen – der mir schräg gegenüber sitzt und seit er in Amstetten eingestiegen ist, irgendwie gefährliche Blicke aussendet. Er hat jetzt die Augen zu. Mein Zug hat mittlerweile 15 Minuten Verspätung. Exakt noch so lange durchhalten. Die Blätter der Bäume im Wienerwald fangen sich langsam an zu verfärben, sind aber noch nicht so bunt wie die Graffitis auf der Lärmschutzwand. Purkersdorf-Gablitz. Vom dauernden aus dem Fenster schauen tut mir der Nacken weh. Bald darf ich entlasten.

(geschrieben im herbst 2009)

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