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22/06/2019 / birgitrie

Als der FC Vatikan nach Simmering kam und wieder ging

Am Samstag, 22. Juni 2019, sollte das Frauenfußball-Team des FC Vatikan sein internationales Debüt geben und in Simmering gegen den FC Mariahilf antreten. Es kam anders. Botschaften gegen Homophobie  und für Selbstbestimmung führten zu Entrüstung und Absage.

Bierbänke, Würstel, Kuchen, Gitarrenklänge. Leberstraße 84, Wien-Simmering. Es herrscht Feststimmung am Fußballplatz. Der FC Mariahilf hat anlässlich seines 20-jährigen Bestehens geladen. „So viele Fans sind das ganze Jahr nicht da“, sagt der Platzsprecher. So viele Fans kommen oft nicht einmal zu Spielen der Frauenfußball-Bundesliga. Die Frauen des FC Mariahilf spielen normalerweise in der Wiener Landesliga. Die Gegner heißen dort Mönchhof, Neusiedl am See oder Altera Porta 1b. An diesem Samstag ist ein ganz spezieller Gegner zu Gast. Das neu gegründete Frauenteam des FC Vatikan ist der Einladung gefolgt und sollte in der Leberstraße sein internationales Debüt geben.

Das Publikum ist bunt gemischt. Familien, Burschen unterschiedlicher Herkunft, junge Frauen. Die Sportanlage wurde schick gemacht. Das Begrenzungsgeländer ist in gelb und schwarz – den Vereinsfarben des FC Mariahilf – angemalt. Gegenüber auf der Mauer ist der Vereinsname in Regenbogenfarben aufgepinselt. Auch die Eckfahnen sind in Regenbogenfarben gehalten. Der Verein ist sozial engagiert, veranstaltet Benefizturniere für die Gruft und für den Verein Piramidops (Unterstützung für Migrantinnen).

Hymnen und Botschaften

Die Spielerinnen nehmen Aufstellung. Der Vatikan in gelb, Mariahilf in schwarz. Wie es sich für ein internationales Spiel gehört, werden die Hymnen gespielt. Die des Vatikan und ja, die des FC Mariahilf. Bertl Blue intoniert „Gelb-Schwarz sind unsere Farben…“. Normalerweise geht es nach den Hymnen los. Diesmal nicht. Wie sich später herausstellen sollte, hat es mit den auf den Bauch gepinselten Botschaften, die drei Spielerinnen des FC Mariahilf während der Hymnen gezeigt haben, zu tun. Eine Spielerin hatte während der vatikanischen Hymne den Rücken zum Publikum gezeigt. Was darauf zu lesen war, war aus der Entfernung nicht zu erkennen.

Die Frauen des FC Vatikan laufen sich warm – nach etwa 15 Minuten gehen sie wieder in die Kabine. „Ist das Spiel schon aus?“, fragt eine Zuschauerin scherzhaft. „Wahrscheinlich müssen sie noch ein Gebet sprechen“, sage ich. Nun ja, wir liegen beide nicht ganz richtig.

Es vergehen einige weitere Minuten, bis sich der Platzsprecher zu Wort meldet: „Die politischen Botschaften von drei unserer Spielerinnen haben die vatikanische Delegation sehr beleidigt.“ Das Team trete deshalb nicht an.

Streit im Publikum

Vorbei das Fußballfest, vorbei mit der guten Stimmung. Der vatikanische Botschafter habe entschieden, nicht anzutreten, vernehme ich. Im Publikum entbrandet ein Streit zwischen der jungen Frau, die das Transparent ausgerollt hatte und ein paar Zuschauern und Zuschauerinnen, die sauer sind, weil sie jetzt kein Fußballspiel sehen. Es wird laut. Ordner trennen die Konfliktparteien voneinander. Homosexuellen-Rechte sollen auf dem Transparent thematisiert worden sein. Die drei Spielerinnen sollen Eierstöcke auf den Bauch gepinselt haben. Auf dem Rücken einer Spielerin war „My body, my rules“ zu lesen, wie ein Foto des ORF zeigt.

Drüben, auf der anderen Seite des Platzes wird es hektisch. Reporterinnen von ORF, FM4 und Puls4 – alle wollen wissen, was genau los ist. Nach Konsequenzen für die drei Spielerinnen werden Funktionäre des FC Mariahilf gefragt. Man werde jedenfalls mit ihnen reden, heißt es. Die Teammitglieder aus dem Vatikan wolle man noch zum Essen einladen. Die Getränkebons sollten auch eingelöst werden. Ein Interview mit dem vatikanischen Botschafter ist anscheinend nicht zu kriegen.

Auf dem Fußballplatz spielen derweil zwei Teams des Gastgebers gegeneinander. Das Spiel interessiert kaum. An den Biertischen wird noch gegessen und getrunken. Die vatikanische Delegation zieht derweil von dannen.

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18/07/2018 / birgitrie

Vom Fliegen und Landen

Ich kann alle Vögel bestimmen, die auf meiner Terrasse landen oder darüber hinwegziehen. Taube, Krähe, Mauersegler. Die Mauersegler sind immer in der Luft, landen nie. Werden die nie müde vom Fliegen? Die Taube ist gemütlicher. Seit ich hier sitze, sitzt sie dort. Auf dem höchsten Schornstein. Und gurrt. Manchmal guckt sie runter, so als ob sie überlegen würde, zu springen. „Traust dich nie“, sag ich ihr, in meinen Gartensessel gelehnt, die Füße auf dem anderen Gartensessel.

Wir kennen uns. Ich habe ihr schon zugewinkt zwischen Kaffee und Marmeladebrot. Dann fängt sie an, ihre Flügel ganz fest zu schlagen. So schraubt sie sich senkrecht nach oben. Oben angekommen, breitet sie ihre Flügel aus, schmeißt sich in den Wind, dreht eine Runde, ehe sie wieder auf dem selben Schornstein landet. Dasselbe Prozedere noch einmal. Gru gru gru. Hochschrauben, eine Runde drehen, landen. Diesmal auf dem anderen Schornstein. Ich muss mich, etwas aus dem Sessel heben, um sie zu erblicken. Und irgendwann, noch vor dem letzten Lackerl Kaffee, ist sie weg. Kommt nicht wieder. Über mir kreisen nur noch die Mauersegler. Aber die landen nie.

11/06/2018 / birgitrie

Samstagabend

Hinter drei Fenstern im Haus gegenüber brennt Licht. Es ist Samstagabend, 21.30 Uhr. Ich habe genug vom Buch. Ein Mann tritt an eines der beleuchteten Fenster. Bügelt er? Nein, tut er nicht. Ein Nachbar bringt den Müll runter. Am Samstagabend um 21.30 Uhr. Es mag deprimierend sein, den Samstagabend alleine zu Hause zu verbringen. Aber um 21.30 Uhr den Müll runterzubringen? Das ist das Deprimierendste. Deprimierender als Bügeln, als die beleuchteten Fenster von Gegenüber zu zählen, als die Leute dahinter zu beobachten. Als alles.

Wer am Samstagabend um 21.30 Uhr den Müll runterbringt, der sieht sich nicht einmal einen Hauptabendfilm an. Gut, das Samstagabend-Fernsehprogramm war schon spannender. Der sieht vielleicht eine hundsmiserable Show und findet sie so langweilig, dass er sich entscheidet, währenddessen den Müll runterzubringen. Trotzdem. Lieber, die hundsmiserable Show ansehen, als den Müll runterzubringen.

Niemals, niemals werde ich am Samstagabend um 21.30 Uhr den Müll runterbringen, denke ich mir. Und nehme noch einen Schluck vom Rotwein.

25/04/2018 / birgitrie

Koppstraße, 1160; Hasnerstraße, 1160

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19/06/2017 / birgitrie

Aber die Traurigkeit 

Den Grant kann ich nicht leiden. Aber die Traurigkeit. Die hat Tiefe. Die Traurigkeit ist nicht grantig. Sie ist schmerzhaft. Melancholisch. Unendlich. Unbeschreiblich. Und manchmal sogar schön.

Der Grant ist ein Platzhirsch. Er fährt morgens U-Bahn, er fährt abends U-Bahn. Er säuft. Er schnauzt. Er schlägt. Der Grant ist ein Arschloch. Meistens ignorant. Der Grant mag keine Aufheiterung. Der Grant will in Ruhe gelassen werden. Er braucht Schlaf. Er braucht Kaffee. 

Aber die Traurigkeit? Die Traurigkeit braucht Zeit, braucht Raum, braucht Akzeptanz.

Die Traurigkeit ist kein Arschloch. Sie fühlt sich nur oft scheiße an. Und manchmal schön. Die Traurigkeit kann ich leiden. Aber nicht immer ertragen.

27/05/2017 / birgitrie

Eisenstadt: Es war einmal ein Stadion

2007 wurde das Lindenstadion im Eisenstädter Schlosspark für baufällig erklärt. Zehn Jahre später liegt es noch immer im Dornröschenschlaf. Fußball ist anderswo. Eine Bildgeschichte.

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17/03/2017 / birgitrie

Den Regen spüren

Ich will den Regen spüren, jeden Tropfen, wie er an meiner Haut abperlt.

Ich will den Regen spüren, damit sich meine Tränen mit den Tropfen vermischen.

Ich will den Regen spüren, mit jeder Faser meines Körpers.

Ich will den Regen spüren, bis es nicht mehr weh tut.

Ich will den Regen spüren, so lang, bis der Kummer weggespült ist.

Ich will den Regen spüren, bis ich ihn  nicht mehr spüren kann.

25/12/2016 / birgitrie

Stirbt einfach weg

Jetzt ist schon wieder wer gestorben. Stück für Stück verflüchtigt sich mein altes Leben. Ich musste es schon lange hinter mir lassen. Aber ich wollte es nicht, war nicht bereit. Musste loslassen und konnte nicht. Sah die schönen Dinge, die ich vorher nicht beachtete.
Ich habe den Abschied noch nicht verkraftet. Aber die Träume, in denen ich in unserem alten Haus bin, werden seltener.
Ich will es nicht mehr sehen, es würde mich verletzen. Es ist nicht mehr das Haus, in dem ich aufgewachsen bin.
Das Haus, das ich meine gibt es nicht mehr. Ich habe es noch nicht hinter mir gelassen. Aber Stück für Stück verschwindet die Welt von damals. Stirbt einfach weg. Ob ich will, oder nicht.

27/10/2016 / birgitrie

Spaßvögel

Ich möchte ein Vogel sein. Ich glaube Vögel haben einen Heidenspaß. Wenn sie abends ihre Kreise ziehen. Immer ein paar Kumpels um sich herum. Manchmal spielen sie Felix Baumgartner, manchmal Gregor Schlierenzauer. Und dann lachen sie sich einen Ast über die plumpen menschlichen Flugversuche.

Ich möchte ein Vogel sein. Vögel kommen mir wie Kinder vor. Unendlich verspielt. Werden Vögel jemals erwachsen? Und wenn ja, wann?

Werden Vögel jemals müde? Haben Vögel jemals Flügelschmerzen? Und wenn ja, gehen (!) sie dann zum Orthopäden? Und Stimmbandprobleme?

Ich möchte ein Vogel sein. Nur einmal kurz ausprobieren.

24/09/2016 / birgitrie

Auf dem Weg

Ich weiß es noch nicht. Bin immer noch auf der Suche. Nicht angekommen. Ich wünsche mir, anders zu sein – zumindest in manchen Bereichen. Aber das bin ich nicht. Ich bin so wie ich bin. Zufrieden. Und auch wieder nicht. Rastlos. Ich will nicht aufhören zu lernen, aber ich will nicht jemand sein, der ich nicht bin. Das geht gar nicht. Und trotzdem bin ich nicht immer ich. Ich bin unzufrieden. Ich hinterfrage mich ständig. Aber ich kann nicht aus meiner Haut. Manchmal macht es mich wahnsinnig. Ich bin irgendwo mitten auf der Strecke. Noch lange nicht angekommen. Aber ein Stück habe ich geschafft. Ich bin so wie ich bin. Werde weitergehen.