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18/07/2018 / birgitrie

Vom Fliegen und Landen

Ich kann alle Vögel bestimmen, die auf meiner Terrasse landen oder darüber hinwegziehen. Taube, Krähe, Mauersegler. Die Mauersegler sind immer in der Luft, landen nie. Werden die nie müde vom Fliegen? Die Taube ist gemütlicher. Seit ich hier sitze, sitzt sie dort. Auf dem höchsten Schornstein. Und gurrt. Manchmal guckt sie runter, so als ob sie überlegen würde, zu springen. „Traust dich nie“, sag ich ihr, in meinen Gartensessel gelehnt, die Füße auf dem anderen Gartensessel.

Wir kennen uns. Ich habe ihr schon zugewinkt zwischen Kaffee und Marmeladebrot. Dann fängt sie an, ihre Flügel ganz fest zu schlagen. So schraubt sie sich senkrecht nach oben. Oben angekommen, breitet sie ihre Flügel aus, schmeißt sich in den Wind, dreht eine Runde, ehe sie wieder auf dem selben Schornstein landet. Dasselbe Prozedere noch einmal. Gru gru gru. Hochschrauben, eine Runde drehen, landen. Diesmal auf dem anderen Schornstein. Ich muss mich, etwas aus dem Sessel heben, um sie zu erblicken. Und irgendwann, noch vor dem letzten Lackerl Kaffee, ist sie weg. Kommt nicht wieder. Über mir kreisen nur noch die Mauersegler. Aber die landen nie.

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11/06/2018 / birgitrie

Samstagabend

Hinter drei Fenstern im Haus gegenüber brennt Licht. Es ist Samstagabend, 21.30 Uhr. Ich habe genug vom Buch. Ein Mann tritt an eines der beleuchteten Fenster. Bügelt er? Nein, tut er nicht. Ein Nachbar bringt den Müll runter. Am Samstagabend um 21.30 Uhr. Es mag deprimierend sein, den Samstagabend alleine zu Hause zu verbringen. Aber um 21.30 Uhr den Müll runterzubringen? Das ist das Deprimierendste. Deprimierender als Bügeln, als die beleuchteten Fenster von Gegenüber zu zählen, als die Leute dahinter zu beobachten. Als alles.

Wer am Samstagabend um 21.30 Uhr den Müll runterbringt, der sieht sich nicht einmal einen Hauptabendfilm an. Gut, das Samstagabend-Fernsehprogramm war schon spannender. Der sieht vielleicht eine hundsmiserable Show und findet sie so langweilig, dass er sich entscheidet, währenddessen den Müll runterzubringen. Trotzdem. Lieber, die hundsmiserable Show ansehen, als den Müll runterzubringen.

Niemals, niemals werde ich am Samstagabend um 21.30 Uhr den Müll runterbringen, denke ich mir. Und nehme noch einen Schluck vom Rotwein.

25/04/2018 / birgitrie

Koppstraße, 1160; Hasnerstraße, 1160

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19/06/2017 / birgitrie

Aber die Traurigkeit 

Den Grant kann ich nicht leiden. Aber die Traurigkeit. Die hat Tiefe. Die Traurigkeit ist nicht grantig. Sie ist schmerzhaft. Melancholisch. Unendlich. Unbeschreiblich. Und manchmal sogar schön.

Der Grant ist ein Platzhirsch. Er fährt morgens U-Bahn, er fährt abends U-Bahn. Er säuft. Er schnauzt. Er schlägt. Der Grant ist ein Arschloch. Meistens ignorant. Der Grant mag keine Aufheiterung. Der Grant will in Ruhe gelassen werden. Er braucht Schlaf. Er braucht Kaffee. 

Aber die Traurigkeit? Die Traurigkeit braucht Zeit, braucht Raum, braucht Akzeptanz.

Die Traurigkeit ist kein Arschloch. Sie fühlt sich nur oft scheiße an. Und manchmal schön. Die Traurigkeit kann ich leiden. Aber nicht immer ertragen.

27/05/2017 / birgitrie

Eisenstadt: Es war einmal ein Stadion

2007 wurde das Lindenstadion im Eisenstädter Schlosspark für baufällig erklärt. Zehn Jahre später liegt es noch immer im Dornröschenschlaf. Fußball ist anderswo. Eine Bildgeschichte.

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17/03/2017 / birgitrie

Den Regen spüren

Ich will den Regen spüren, jeden Tropfen, wie er an meiner Haut abperlt.

Ich will den Regen spüren, damit sich meine Tränen mit den Tropfen vermischen.

Ich will den Regen spüren, mit jeder Faser meines Körpers.

Ich will den Regen spüren, bis es nicht mehr weh tut.

Ich will den Regen spüren, so lang, bis der Kummer weggespült ist.

Ich will den Regen spüren, bis ich ihn  nicht mehr spüren kann.

25/12/2016 / birgitrie

Stirbt einfach weg

Jetzt ist schon wieder wer gestorben. Stück für Stück verflüchtigt sich mein altes Leben. Ich musste es schon lange hinter mir lassen. Aber ich wollte es nicht, war nicht bereit. Musste loslassen und konnte nicht. Sah die schönen Dinge, die ich vorher nicht beachtete.
Ich habe den Abschied noch nicht verkraftet. Aber die Träume, in denen ich in unserem alten Haus bin, werden seltener.
Ich will es nicht mehr sehen, es würde mich verletzen. Es ist nicht mehr das Haus, in dem ich aufgewachsen bin.
Das Haus, das ich meine gibt es nicht mehr. Ich habe es noch nicht hinter mir gelassen. Aber Stück für Stück verschwindet die Welt von damals. Stirbt einfach weg. Ob ich will, oder nicht.

27/10/2016 / birgitrie

Spaßvögel

Ich möchte ein Vogel sein. Ich glaube Vögel haben einen Heidenspaß. Wenn sie abends ihre Kreise ziehen. Immer ein paar Kumpels um sich herum. Manchmal spielen sie Felix Baumgartner, manchmal Gregor Schlierenzauer. Und dann lachen sie sich einen Ast über die plumpen menschlichen Flugversuche.

Ich möchte ein Vogel sein. Vögel kommen mir wie Kinder vor. Unendlich verspielt. Werden Vögel jemals erwachsen? Und wenn ja, wann?

Werden Vögel jemals müde? Haben Vögel jemals Flügelschmerzen? Und wenn ja, gehen (!) sie dann zum Orthopäden? Und Stimmbandprobleme?

Ich möchte ein Vogel sein. Nur einmal kurz ausprobieren.

24/09/2016 / birgitrie

Auf dem Weg

Ich weiß es noch nicht. Bin immer noch auf der Suche. Nicht angekommen. Ich wünsche mir, anders zu sein – zumindest in manchen Bereichen. Aber das bin ich nicht. Ich bin so wie ich bin. Zufrieden. Und auch wieder nicht. Rastlos. Ich will nicht aufhören zu lernen, aber ich will nicht jemand sein, der ich nicht bin. Das geht gar nicht. Und trotzdem bin ich nicht immer ich. Ich bin unzufrieden. Ich hinterfrage mich ständig. Aber ich kann nicht aus meiner Haut. Manchmal macht es mich wahnsinnig. Ich bin irgendwo mitten auf der Strecke. Noch lange nicht angekommen. Aber ein Stück habe ich geschafft. Ich bin so wie ich bin. Werde weitergehen.

23/07/2016 / birgitrie

München. Das Dorf ist getroffen

Ob ich jemals im Olympia-Einkaufszentrum war, überlege ich. Weihnachtseinkäufe glaub ich. 2007. Groß war es wohl, das Shoppingcenter, alle Stückerl wird es gespielt haben. Genau kann ich mich nicht erinnern.

In der Gegend jedenfalls war ich häufig. Olympiabad. 50 Meter Schwimmbahnen. Abends nach der Arbeit fuhr ich mit der U-Bahn von der Isar-Vorstadt, wo ich gewohnt habe, raus in den Nordwesten der Stadt. Nicht nur einmal verlief ich mich im Olympiapark auf dem Weg von der U-Bahnstation zum Bad. Seltsam verwinkelt war er. Und unübersichtlich. Ärgerlich, ja. Aber Angst? Nein.

Spätabends bin ich oft allein U-Bahn gefahren. Nicht das leiseste Unbehagen. Ratschläge von Kollegen, ich sollte nach dem Spätdienst doch ein Taxi nehmen, wimmelte ich stets ab. Die Öffis fuhren bis zwei Uhr früh. Alles kein Problem.

Als riesiges Dorf wird die bayrische Landeshauptstadt bezeichnet. Genauso habe ich sie wahrgenommen. Das Stadtfeeling hat mir, wie vielen anderen, die hier gelebt und gearbeitet haben, irgendwie gefehlt. Die niedrige Kriminalitätsrate jedenfalls bestätigte das subjektive Sicherheitsgefühl.

Nur einmal in diesen sechs Monaten, in denen ich in München lebte, empfand ich so etwas wie Angst. Obwohl das fast schon zu hochgegriffen ist. Silvester 2007. Marienplatz, Stadtzentrum. Es wird geböllert wie wild.

12. September 2009. Der Fall Dominik Brunner. Am S-Bahnhof Solln treten Jugendliche mehrfach auf den 50-jährigen Manager ein. Brunner hatte zuvor vier Schüler vor den Jugendlichen geschützt. Brunner stirbt. Auf der Seite 3 der Süddeutschen Zeitung wird eindrücklich beschrieben, wie sehr München, das riesige, sichere Dorf, durch diesen Vorfall aus allen Wolken gefallen ist. So etwas passiere in New York, in Chicago, vielleicht in London oder Berlin. Aber in München?

22. Juli 2016, Olympia-Einkaufszentrum. Nichts ist mehr, wie es war.